Kamera Düsseldorfer Fototage am 24. und 25. Mai

Daily Portrait Berlin

aus dem aktuellen Schnappschuss No. 60

 

Versuchen Sie sich die folgende Situation vorzustellen: Sie sind zu Hause, Sie kochen sich einen Tee und plötzlich klingelt es. An der Tür steht eine völlig unbekannte Person. Er/sie hat eine Kamera und ist dabei, ein Bild von Ihnen zu machen. Sie sollen sich ausziehen … genau das ist die Idee hinter dem Projekt Daily Portrait Berlin.

von Bára Alex Kašparová

Schnappschuss 60 - Daily Portrait Berlin - Teaser

Daily Portrait zeigt die Menschen, wie sie sind: echt und unverfälscht

Das Kunstwerk entsteht nicht, um Bewunderung und Anerkennung zu gewinnen. Es entsteht durch innere Spannung, manchmal sogar durch Leiden. Es entsteht aus dem Gefühl heraus, dass man missverstanden, zwecklos und ignoriert wird. Und gleichzeitig aus der Notwendigkeit, dem Zuschauer irgendetwas mitzuteilen. Das Kunstwerk ist die Konfrontation mit sich selbst. Die Suche nach einem persönlichen Thema und nach der Verfeinerung der Form. Es ist die Mitteilung des Inhaltes auf universeller und gleichzeitig nicht beendeter Weise.

Das visuelle Projekt „Daily Portrait“ ist genau eine solche Mitteilung. In dem Mosaik von vielfältigen Bildern der gegenwärtigen Gesellschaft zeigt es dem Mensch den Menschen, wie er heute wirklich ist, ohne tendenzielle Auswahl und Kriterien von Mainstream-Medien.

Im ersten Jahrgang des Projektes Daily Portrait (DP), das mittels fotographischem Medium realisiert wurde, hat der visuelle Künstler Martin Gabriel Pavel mit seiner Kamera und in seinem Smíchov-Atelier jeden festgehalten, der an dem Projekt partizipieren wollte. Junge Leute, alte Leute, Menschen mit Geld und ohne. Halbnackte oder Leute in Unterwäsche. Jene mit offenem Geist, extrovertiert und ebenso solche, die introvertiert sind. So ist das erste Mosaik vom gegenwärtigen Menschen entstanden.


Im darauffolgenden Jahr hat es das Projekt in die Straßen von Prag verschlagen. So wurden verschiedenste Orte in ihrer authentischen Gestalt kartiert. Medium für die Aufnahme dieses Mosaiks war eine Polaroid-Kamera. Die farbigen, rechteckigen Aufnahmen wurden mehrmals auf selbstständigen Ausstellungen präsentiert. Eine Schachtel von quadratischer Form, die mit den Kopien eines ganzen Satzes origineller Polaroid-Aufnahmen gefüllt ist, war das Ergebnis.

Für das Projekt wurden 381 Berliner und Berlinerinnen fotografiert

Die Polaroid-Publikation des zweiten Bandes gelangte in die Hände des in Potsdam lebenden, tschechischen Fotografen Marek Kucera. Er bot Martin seine Unterstützung für das Berliner Projekt an. Hierfür wurde eine einzige Kamera von Hand zu Hand, von einer teilnahmebereiten Person
an die nächste weitergegeben. Jeder von ihnen öffnete seinen intimen Raum und entblößte seinen Körper vor einem anderen Mitglied in der Kette. Völlig unbekannte Leute, die bereit waren, sich einander zu öffnen und sich gegenseitig abzulichten. Ihre Lebensgeschichten wurden durch die Kamera verwoben. Martin selbst fungierte als Steuereinheit, bereit alle Probleme der wandernden Kamera zu lösen. Er wurde ein Hikikomori: ein Autor, freiwillig isoliert von allen weltlichen Ereignissen mit einem einzigen Ziel: sein Opus erfolgreich zu beenden.

Innerhalb der 18 Monate seiner Entstehungsphase hat das Prinzip des vierten Bandes von DP das Leben von 381 Berlinern verändert.

Die wandernde Kamera verknüpfte die bis dahin parallel verlaufenden Lebensgeschichten und half neue Geschichten zu schreiben. Ein Mosaik der vorurteilsfreien Gesellschaft wurde geschaffen. Jeden Tag wurde ein neues Foto aufgenommen. Jeden Tag entkleidete sich eine andere Person und ließ einen Fremden ein Bild von sich machen. Tag für Tag wurde jemand neues zu einem Fotografen, der die entblößte Substanz seines bis dahin unbekannten Nächsten erfasste.

Wir leben in einer Zeit, die von der Werbeindustrie und den sozialen Netzwerken dominiert wird, die auf unterschiedliche Weise unsere Vorstellungen beeinflussen ... wer wir sein, wie wir leben und was wir fühlen sollen. Das Ideal der Schönheit, das von Werbespots, sozialen Medien und der Film-Industrie verbreitet wird, spiegelt sich in der Flut von gestalteten Selfies wider, auf denen jeder versucht schön auszuschauen, in einer wunderschön eingerichteten Wohnung zu leben oder zumindest die Illusion dieser Schönheit im sozialen Netzwerkprofil darzustellen.

Eine einzige Kamera wurde von Hand zu Hand, von einer Person an die Nächste weitergegeben.

Im Gegensatz zu den Bildern, die in sozialen Netzwerken präsentiert werden, lügen die Bilder im
„Daily Portrait Berlin“ nicht. Sie bringen das wahre Bild der Gesellschaft durch 381 Berliner/innen zum Vorschein. Bilder von Menschen, die sich entgegen ihrer Vorurteile und Ängste vor einem Fremden nackt zeigten. Sie erzählen ihre Geschichte darüber, wie sie es geschafft haben, ihren eigenen intimen Raum nicht nur den anderen Projektteilnehmern, sondern der ganzen Welt zu öffnen.

Daily Portrait Berlin ist eine Möglichkeit, über andere zu lernen. Es ist eine Sonde, die das authentische Bild des zeitgenössischen Menschen erforscht. Ein Werkzeug, das ganz originell von jedem benutzt wurde, der an dem Projekt teilnahm. Wer die Kamera in die Hand bekam, warf seine Ängste weg. Es ist ein Mittel, den Menschen zu helfen, aus sozialen Netzwerken in die Realität zurückzukehren … von der Anonymität der Medien zurück zur gegenseitigen, menschlichen Nähe.

Daily Portrait Berlin ist ein Prinzip, das die Menschen unabhängig von ihrem Alter, dem Geschlecht, materiellem Reichtum, der sexuellen Orientierung, Rasse oder nationalen Herkunft verbindet. Es zeigt die Momente der unerwarteten Begegnungen, der Überraschungen und den kreativen Prozess von zwei Fremden, von denen sich einer entblößt.

DP Berlin ist keine Enzyklopädie von Subkulturen. Stattdessen zeigt es das Bild der heutigen Menschen, verbunden durch die mehr oder weniger ähnliche, offenen Einstellung zur Kommunikation mit der Umgebung. Es hilft der Gesellschaft zu wachsen und den Menschen, die ihr Bestandteil sind, zusammen zu leben, sich zu respektieren und gegenseitig zu ergänzen. Eine Gemeinschaft zu bilden und das Gefühl der Zugehörigkeit zu teilen. DP Berlin bewertet und beurteilt nicht. Es gibt Raum für den wirklichen Menschen. Es zeigt die unzensierte Wahrheit, eine authentische statt einer fiktiven Welt.

Daily Portrait veranschaulicht, wie die Menschen leben und wie sich sich fühlen

Das Buch, das von gelber Farbe dominiert wird und das hauptsächlich aus Fotografien besteht, bringt auf seinen 430 Seiten den Einblick in die Identität der zeitgenössischen Menschen. Es zeigt die Interieure, welche die Persönlichkeiten ihrer Bewohner widerspiegeln. Es veranschaulicht, wie die Menschen leben und wie sie sich fühlen. Zeigt sowohl Offenheit als auch Verschlossenheit. Es reflektiert Freude, zerstört Barrieren und wird zu einem Werkzeug der sozialen Interaktion. Das hier vorgestellte Kunstwerk entstand aus dem Spiel aus Neugier und Lerndurst, aber auch aus vielen unbeabsichtigten, nicht vorhersehbaren Situationen und Impulsen.

Die grafische Gestaltung der Publikation Daily Portrait Berlin ist die Arbeit von Marek Kucera. Das
Buch enthält die Aufzeichnungen von authentischen Gesprächen und Eindrücken der einzelnen
Protagonisten. Es ist eine komplette, visuelle Erzählung, die die Universalität der Fotografie als
Medium für jedermann bestätigt, unabhängig von ihren Talenten oder künstlerischen Fähigkeiten,
losgelöst von der Forderung der Perfektion.


Blick ins Buch

weitere Infos und mehr Werke des Künstlers:
Martin Pavel

www.portraitdaily.com

www.dailyportrait.bigcartel.com


Magazin "Schnappschuss"

Das Foto Koch Magazin ist modern kreativ gestaltet und ist vom Design und inhaltlich relativ einzigartig.

weitere Informationen