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Das ist aber nicht -
richtig scharf...

Diesen Satz hat sicher jeder Fotograf schon mal gehört. Hin und wieder ist dies eventuell auch versehentlich der Fall. Aber haben Sie schon mal darüber nachgedacht, absichtlich "unscharfe" Bilder zu machen? In diesem Artikel wollen wir Ihnen die Inspiration geben, mal etwas ungewöhnliches auszuprobieren, nämlich Unschärfe gezielt zu erzeugen. Also, Kamera raus holen und los geht´s!

Das ist aber nicht richtig scharf... Stimmt. Ist es nicht. Das Foto zeigt einen Mann, der dem König von Belgien in Léopoldville (heute Kinshasa, Republik Kongo) seinen Säbel entreißt. Es heißt auch passend "Der Säbelraub", wurde 1960 von Robert Lebeck gemacht und ist ein Zeitdokument. Googlen Sie mal danach, ich bin sicher, Sie werden es finden. Es geht bei diesem Bild um den Moment, um die Emotionen und nicht um technische Perfektion.
Es ist völlig wurscht, ob es dem Bild an Schärfe fehlt oder nicht. Als das Foto entstand, gab es nur Kameras mit manuellem Fokus. Fotojournalisten wie Robert Lebeck mussten in weiser Voraussicht ihre Kamera voreinstellen. Da wurde selten mit Offenblende fotografiert, um den Bereich der Schärfentiefe etwas weiter auszudehnen. Man wusste während solcher Veranstaltungen ja schließlich nie, was passieren würde, man mischte sich unters Volk und hielt die Augen auf. Wenn etwas passierte, konnte man nur "so ungefähr" scharfstellen und musste abdrücken. Was immer auch passieren würde, sollte bitte innerhalb dieses Schärfebereiches passieren. Oft war der "Riecher" der Fotografin / des Fotografen richtig, manchmal aber auch nicht. Das war ärgerlich, denn eine zweite Gelegenheit gab es fast nie. Es gibt weitere Beispiele für Fotos, an denen oberflächlich wirkende Anforderungen für technische Perfektion abperlen wie Wasser auf einer Motorhaube nach der Heißwachsbehandlung. Berühmt ist der "Sprung in die Freiheit" von Peter Leibing. Es zeigt den Volkpolizisten Conrad Schumann am 15.08.1961 in dem Augenblick, in dem er über ausgerollten Stacheldraht von Ost- nach Westberlin springt: In die Freiheit des Westens. Die Grenze war noch löchrig und die Mauer noch nicht überall fertig. Der Kniefall von Willy Brandt 1970 in Warschau ist ebenfalls bekannt. Einige Fotografen haben diesen Moment festhalten können. Manche dieser Bilder entsprechen nicht unseren heutigen Vorstellungen technischer Perfektion. Sie sind leicht unscharf, durch das verwendete Filmmaterial und den Entwicklungsprozesse leicht körnig. Stören tut das nicht.

1972 tobt der Vietnamkrieg, unvorstellbare Gewalt und Verwirrung zeichnen ein ganzes Land.
Dem Fotografen Nick Ut (eigentlich Huynh Cong Ùt) gelingt das Foto, was jeder kennt: Das nackte Mädchen Kim Phúc, welches von Verbrennungen gezeichnet zusammen mit anderen Kindern nach einem Napalmangriff eine Straße herunter rennt. Die Umgebung auf dem Bild: Soldaten, körnig, leicht unscharf. Die Laufenden: Leicht unscharf. Das Foto: Eine Ikone, welches schonungslos den Wahnsinn des Krieges zeigt. Wir alle kennem diese Bilder, wir alle erinnern uns an sie, wenn wir den Titel oder ein Stichwort hören. Sie tragen zurecht den Stempel "Ikone". Wir erinnern uns an das, was sie bedeuten, nicht daran, wie sie ausgeführt wurden. Ob sie scharf sind oder nicht, ist unwichtig. Aussage und Inhalt sind hier die einzigen Kriterien, die zählen. Oder kennen Sie jemanden, der, nach dem Vietnamfoto gefragt, sagt: "Ja, das ist das Foto, was nicht so ganz scharf ist...." Wohl kaum. Ist "unscharf" also generell nicht schlimm? Wird Schärfe generell überbewertet? Darf man jetzt schludern beim Fotografieren? Ganz so einfach ist das nicht, gutes Handwerk ist immer die Voraussetzung für Qualität, nur gibt es in der Fotografie unterschiedliche Maßstäbe für Qualität. Wir sind es gewohnt, scharf zu sehen, es ist wichtig für uns im alltäglichen Leben.
Klappt das nicht mehr so ganz, bleibt nur noch der Gang zum Optiker. Das Grinsen, was man an sich selbst erfährt, wenn man mit der neuen Brille auf der Nase wieder das Gefühl hat, dass etwas "nun wieder richtig" sei, ist ein deutliches Zeichen dafür, wie viel uns klares, scharfes Sehen bedeutet. Da wir von der Fotografie zunächst verlangen, die Realität so gut es geht abzubilden, erwarten wir auch scharfe, klare Bilder von ihr.

In gestalterischer Hinsicht spricht man oft auch von "selektiver Schärfe", die man in kurzen Worten mit "scharf = wichtig" umschreiben kann. Durch gezieltes Legen oder Setzen der Schärfeebene lässt sich die Aussage eines Fotos beeinflussen. Und wenn das nicht gelingt? Nun ja, jeder von uns reagiert genervt, wenn der Autofokus der Kamera nicht richtig "packt", wenn bei Spiegelreflexkameras das Autofokusmodul dejustiert ist und nichts scharf wird, oder das Objektiv "krumm" ist und keine scharfen Bilder mehr liefert. Von verwackelten Bildern wollen wir erst gar nicht reden.

„Ob sie scharf sind oder nicht, ist unwichtig. Aussage und Inhalt sind hier die einzigen Kriterien, die zählen.“

Hin und wieder werden auch Objekte oder Menschen unscharf abgebildet, wenn sie die sogenannte Naheinstellgrenze überschritten haben und zu nah sind, als dass der Autofokus sie scharfstellen könnte. Diese Objekte sind dann unscharf, während der Hintergrund meistens scharf ist. Dennoch scheint es einen Unterschied zu geben, um welche Art von Unschärfe es geht. Leichte Unschärfe aufgrund techischer Ursachen oder Fotografenfehlern scheint die meisten zu stören, sie ist ungewollt.
Sie sieht immer aus wie "so soll das eigentlich nicht sein", wie ein Versehen, auch wenn die Fotografieforen im Netz voll mit Leuten sind, die einem immer erzählen wollen, dass das so gewollt sei.
Wer´s glaubt...
Erhöht man das Maß der Unschärfe aber derart, dass es unmöglich mit einem Defekt an der Ausrüstung oder dem Unvermögen des Menschen hinter der Kamera zu erklären ist, bekommt Unschärfe eine Bedeutung. Sie kann zu einem ernstzunehmenden Gestaltungselement werden, welches man gelungen einsetzen kann, wenn man sich vorher Gedanken um das Motiv macht.

Nicht jedes Motiv lässt sich auch erfolgreich in der Unschärfe abbilden. Unschärfe bedeutet ja in erster Linie Detailverlust: Feinheiten können nicht mehr abgebildet werden, Details erfahren keine Abgrenzung mehr zur Umgebung sondern werden eins mit ihr. Ein mit hoher Handwerkskunst angefertigtes Uhrwerk einer Taschenuhr wäre als Motiv also weniger gut geeignet, die Unschärfe würde das, worum es geht, überdecken. Was dafür stärker zum Tragen kommt, ist die äußere Form der abgebildeten Objekte. Unschärfe ist also immer ein Werkzeug zur Reduktion, sie kann ablenkende Bildinhalte abschwächen oder gar ganz beseitigen.
Das Mittel der Unschärfe spielt seine Stärken dort aus, wo Motive ihr Wesen auch ohne viele Details behalten, wo Aussagen durch Unschärfe nicht abgeschwächt werden, sondern vielleicht sogar erst entstehen. Große Objekte sind prinzipiell gut geeignet. Alleinstehende Häuser zum Beispiel, Wahrzeichen von Städten. Der Eiffelturm kann beliebig unscharf sein, Sie werden ihn immer erkennen, weil Sie wissen, wie er aussieht. Das unscharfe Bild löst Erinnerungen in Ihnen aus, spricht ihren Erfahrungsschatz an, und schon funktioniert das Bild. Ein unscharfes Bild ist mehr Arbeit für den Betrachter, bindet ihn stärker in den Betrachtungs- und Sehprozess ein als ein Bild, auf dem scheinbar "alles klar" ist. Unscharfe Bilder können bedrohlich wirken, weil sich das Motiv nicht zu erkennen gibt. In der Streetphotography löst die Unschärfe für uns ein großes Problem, welches wir zumindest in diesem Land haben: Das Problem mit den Persönlichkeitsrechten und dem Gefühl von Einzelpersonen, plötzlich wahnsinnig wichtig zu sein. Trotz Selfies, Instagram, und facebook ist man empfindlich, wenn es um das eigene Konterfei geht. Lässt man Menschen aber zu unscharfen Silhouetten werden, werden sie zu anonymen Botschaftern einer Situation, die durchaus interessant wirken kann. Was heißt nun "unscharf" für die Einstellungen an der Kamera?
Zunächst einmal bedeutet das, dass wir den Autofokus abschalten müssen. Also, den Schalter am Objektiv oder an der Kamera von "AF" auf "MF", oder im Falle einer Kompaktkamera irgendwo im Menü.

Fokussiert wird nun manuell, und zwar so, dass nichts, aber auch gar nichts auf dem Bild scharf wird. Wir fokussieren dabei nicht manuell in den Unendlichbereich, also "weit nach hinten". Das hätte zur Folge, dass Objekte, die für die entsprechende Kombination von Objektiv und Kamera "unendlich" weit entfernt sind, nun doch scharf würden. Das kann real schon ab 10 oder 15m der Fall sein, denn für ein 17mm-Weitwinkel sind 15m schon "unendlich" weit entfernt. Sollten wir also in 15m Entfernung noch "irgendwas" auf dem Bild haben (was in einer Stadt sehr wahrscheinlich ist, denn dort steht/liegt/fährt/läuft immer irgendwas herum), würde unser Plan der Unschärfe, die sich über das ganze Bild erstreckt, nicht aufgehen: Was weit weg ist, wäre scharf.

„Unschärfe ist also immer ein Werkzeug zur Reduktion...“

Das wollen wir aber nicht, also müssen wir in die andere Richtung fokussieren:
Wir stellen die Entfernung auf sehr kurze Distanzen ein, 0,4 – 0,5m zum Beispiel, je nachdem, was das Objektiv erlaubt. Wenn wir nichts im Vordergrund haben, was sich derart dicht vor unserer Kamera befindet, wird nichts auf dem Bild scharf sein. Wie sehr unscharf die Bilder werden können, hängt von ihrem Kamerasystem und den verwendeten Linsen ab. Bei digitalen Vollformatkameras oder analogen Kleinbildkameras wird die Unschärfe stärker ausfallen als bei Kameras mit deutlich kleinerem Bildsensor, zum Beispiel beim Microfourthirds-System. Aber auch das Objektiv hat ein Wörtchen mitzureden.
Ein Weitwinkelobjektiv wird tendenziell ein weniger unscharfes Bild liefern als ein leichtes oder mittleres Teleobjektiv. Die Blendeneinstellung spielt natürlich ebenfalls eine Rolle. Arbeiten Sie mit Offenblende (also kleine Blendenzahlen) an einem lichtstarken Objektiv, werden Sie schnell ein unscharfes Bild bekommen. Bei Blende 14 wird das schon anders aussehen.

Wenn überhaupt nichts mehr zu erkennen ist, sind wir über´s Ziel hinausgeschossen.

Auch der Abstand zum Motiv spielt eine große Rolle. Objekte, die weit weg sind, lassen sich weniger stark unscharf abbilden wie Objekte, die nah sind. Die Grundlagen, die beim Fotografieren mit "normalem Fokus" eine Rolle spielen, sind dieselben wie die bei der "Unscharffotografie".
Wenn man sich auf den Weg macht, um unscharfe Bilder zu machen, wird man feststellen, dass es schnell ein "Zuviel" an Unschärfe geben kann. Wenn überhaupt nichts mehr zu erkennen ist, sind wir über´s Ziel hinausgeschossen. Zur Falle kann hier auch der Kameramonitor werden. Er zeigt uns zwar, wie das aufgenommene Bild aussieht, aber er zeigt es uns sehr klein. Kleine Bilder erscheinen uns schärfer als größere.
Wir tun also gut daran, dem Monitor nicht zu trauen und lieber mehrere Bilder mit unterschiedlicher Unschärfe zu machen, damit wir sicher sein können, das rechte Maß an "fuzziness", wie es im Englischen heißt, zu erreichen. Selbstverständlich können Sie in der Nachberarbeitung das Foto weiter verändern. Spielen Sie mit der Sättigung, mit den Kontrasten und Gradationskurven herum. Sie werden schnell sehen, dass Unschärfe kein Fehler sein muss, wenn man weiß, wie man sie einsetzt...
So, jetzt ist es fast 22 Uhr und bin ich scharf auf ein Bier...


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