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 Aus dem Magazin Schnappschuss No. 52

 

Das System Lego®

 

Andreas Zimmermann, Fotograf aus Düsseldorf erklärt uns, was hinter seinen Arbeiten steht, wie er dazu gekommen ist und was es heißt ein  konzeptionelles Fotoprojekt umzusetzen.


von Andreas Zimmermann

Das System Lego - Andreas Zimmermann

Viele Bausteine ergeben ein Ganzes

Meine Reisen als Fotograf bieten mir die Möglichkeit, viele interessante Orte zu besuchen. Ich beobachte, fotografiere und sammle. Wenn mich etwas inspiriert, mache ich mir Fotonotizen oder halte das Gesehene in Zeichnungen fest. Später stelle ich oft fest, dass die gestalterische Idee, die damit verbunden war, nach wie vor Bestand hat und in ein aktuelles Projekt fließen kann. So erhält das Neue seine konkrete Form auf der Basis von Altem, und ein über die Jahre gewachsener Fundus an spontanen Aufnahmen, Eindrücken und Gedanken liefert mir die Bausteine, um etwas zu erschaffen, das sich nach seiner Fertigstellung selbst trägt.

Das Material

Das Material der Arbeit ist ebenso klar definiert wie einheitlich strukturiert. Es handelt sich um eine Sammlung von normalen, rechtwinkligen Lego®-Steinen. Dazu kommen Bauplatten, auf denen die Anordnungen zusammengesetzt werden, und Fliesen, die die Formen nach oben hin  
abschließen. Die unterschiedlichen Größen der Steine und die Steckverbindungen erlauben eine Vielzahl möglicher Formen. Sondersteine wie Räder und Flügelteile werden in der Arbeit nicht verwendet.

Das System und seine Offenheit

Das Material der Arbeit bringt seine eigenen Bedingungen mit sich. Die ihm immanente Systematik wurde im Rahmen dieser Arbeit akzeptiert. Alle Formelemente, die auf den Bildern zu sehen sind, werden zunächst manuell am Arbeitstisch zusammengefügt. Formen können dabei frei erfunden sein oder sich auf – zumeist architektonische – Vorlagen beziehen. Es ist ein Prinzip, sich bei jeder Arbeit einer kleinen Regel zu unterwerfen. Eine Regel kann zum Beispiel sein, nur weiße und schwarze Steine zu verwenden.
Ist ein Regelwerk aufgestellt, wird auf dessen Basis das Objekt entworfen und umgesetzt. Alles, was das Material kann, ist möglich. Das System Lego® ist daher offen. Die entworfenen Objekte der Gesamtanordnung werden nacheinander und stets als Neukombinationen desselben Materials fotografiert. Jedes Element hat einmal an dem ihm zugewiesenen Ort gestanden, jedoch zeitlich versetzt, so dass einzelne Steine mehrfach im Bild zu sehen sein können.

Authentizität

Die Steine der Sammlungen, die das Material für die vorliegenden Arbeiten liefern, verfügen zum Teil über alters- oder herstellungsbedingte Charakteristika wie Kratzer oder Vergilbungen. In dieser Arbeit kommt eine Mischung aus benutztem und neuem Material zum Einsatz, um das Bild authentisch zu machen und mit kleinen Details zu verdeutlichen, dass es nicht am Computer gerendert wurde. Wie es in der Malerei Unebenheiten und Pinselstriche gibt, die die Arbeitsweise des Künstlers verraten, belasse ich in meinen Arbeiten kleine „Fehler“, damit der Betrachter die Möglichkeit hat, den wahren Ursprung des Bildes zu erkennen. Mich interessiert der Moment der Erkenntnis, wenn aus dem vermeintlichen Computerbild nach genauerer Erforschung ein Fotoabbild der realen Welt wird.

Licht und Schatten

In der Fotografie definieren Licht und Schatten den räumlichen Bezug von Objekten ebenso wie deren relative Größe und die Zentralperspektive. Bei der Betrachtung von zweidimensionalen Bildern werden diese räumlichen Zuordnungen in unserem Hirn rekonstruiert. Um dem Betrachter die  
räumliche Entschlüsselung zu erschweren, leuchte ich die Objekte möglichst schattenfrei aus. Die Arbeiten entstehen ausschließlich unter kontrollierten Bedingungen im Studio. Ich nutze mehrere künstliche Lichtquellen, wie eletronische Blitzköpfe, mit weichen Lichtformern. Das flache Licht lässt die in sich komplexen und schwer voneinander zu trennenden Einzelelemente noch weiter zusammenfließen. Durch Freischneiden und Collagieren ist der Betrachter somit einzig auf die Linearperspektive und die relative Größe der Objekte auf den Bildern angewiesen, um ihre Räumlichkeit zu entschlüsseln.

Übertragungsprobleme

Wie auch in meiner künstlerischen Arbeit, geht es mir als Dozent in der Auseinandersetzung mit den Studierenden an der Universität Wuppertal immer wieder um die Mechanismen unserer Wahrnehmung. Aus der Bemühung, die uns umgebende Welt zu reflektieren, ergeben sich zwangsläufig Übertragungsschwierigkeiten. Wie beeinflusst ein Autor bei diesem Vorgang sein Werk, wie bedient er sich der allgemeingültigen Erfahrungen der Gesetzmäßigkeiten unserer Umwelt, um ein Verständnis bei den Betrachtern zu erlangen. Kann Kunst dies leisten? Wenn ja, inwieweit muss sie das überhaupt?

 

Kameraaufbau und digitale Bearbeitung

Für meine Arbeit wird eine Kombination aus  Fachkamera und einer digitalen Sucherkamera verwendet. Eine ähnliche Anordnung der Komponenten Objektiv, Fachkamera und digitaler Kamera geht zurück auf das System Studiotool-Stm des finnischen Fotografen Patrik Raski. Hierbei werden Objektive aus dem Bereich Mittelformat mithilfe von Adaptern mit digitalen Spiegelreflexkameras kombiniert, wodurch Auflösungen von über 100 Millionen Pixeln erreicht werden. Meine aktuelle Version besteht aus der Kombination einer spiegellosen Systemkamera, der Sony
Alpha 7R, einer Sinar P und einem 75 mm-Schneider Kreuznach. Die Großbildtechnik und ihre Fähigkeit des Shiftens erleichtert das spätere digitale Stiching erheblich. Stitching (auch bekannt als Funktion in Smartphones und Kompaktkameras) bezeichnet einen Vorgang, bei dem aus vielen Einzelbildern ein Gesamtbild zusammengesetzt wird –  entweder, um die Gesamtauflösung des Bildes zu maximieren, oder weil es auf einer einzelnen Aufnahme nicht erfasst werden kann. In meiner Arbeit ist letzterer Aspekt besonders wichtig, da diese Technik mir ermöglicht, die einzelnen Konstruktionen innerhalb eines Bildes zeitlich hintereinander aus denselben Steinen zu bauen, abzufotografieren und mich so von
dem starren Raum-Zeit-Gefüge zu lösen. Die hohe Auflösung ist wichtig, um Arbeiten in einer Detailgenauigkeit zu erhalten, die kleinste Artefakte auf den Steinen im fertigen Bild erhält. Ich entferne teilweise nur Staub und justiere die Farben, um die Einzelfotos später wie ein Puzzle zusammenzufügen.

Der Möglichkeitsraum Lego®

Lego® ist ein System zur Imitation von Realität, und ich untersuche dabei den Möglichkeitsraum, den es eröffnet. Das Ergebnis meiner Arbeit sind großformatige Fotografien, die an abstrakte Stadtlandschaften erinnern. Doch obwohl oftmals Aufnahmen realer Bauwerke als Vorlage dienen, ist die Rekonstruktion nicht das eigentliche Thema der Arbeit. Im Umgang mit dem Material – den Vorlagen, den Bausteinen, den sich daraus ormierenden Konstruktionen und Motiven – soll vielmehr demonstriert werden, dass eine formale Regel automatisch eine ästhetische Struktur  
hervorbringt, vorausgesetzt, man befolgt sie systematisch. Solche Regeln lassen jede Menge Raum für Improvisation, dabei es ist gerade die systematische Ordnung, die das kreative Spiel mit dem vorgefundenen Material überhaupt erst ermöglicht. Das System selbst ist letztlich ein Resultat subjektiver (Re-)Konstruktion von Wirklichkeit und stiftet damit ganz neue, individuelle und variable Sinnzusammenhänge. Das zu Grunde
liegende Konstruktionsprinzip wird dadurch verschleiert. Es entsteht eine Art Suchbild, welches den Betrachter dazu auffordert, sein ganz eigenes System im System zu entdecken.

Andreas Zimmermann wurde 1975 in Düsseldorf geboren. Er studierte Fotografie an der Universität Essen bei Professor Bernhard Prinz und absolvierte 2008 sein Diplom bei Professor Gisela Bullacher und bei Professor Peter Wippermann. Er lebt und arbeitet in Düsseldorf. Seine Arbeiten werden durch die Galerie Lehr Zeitgenössische Kunst, Berlin repräsentiert. Seit 2012 unterrichtet er an der Universität Wuppertal im Bereich Design audiovisueller Medien und Design interaktiver Medien und leitet dort Kurse in Fotografie und Gestaltung.

Andreas Zimmermann, Düsseldorf
www.andreaszimmermann.net


Lehr Zeitgenössische Kunst, Berlin
www.lehr-galerie.de

Das System Lego - Andreas Zimmermann

Magazin "Schnappschuss"

Das Foto Koch Magazin ist modern kreativ gestaltet und ist vom Design und inhaltlich relativ einzigartig.

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