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"FROLLEIN!" -Wie Hunde sehen

Thomas Stelzmann beschließt ein Experiment zu machen und die Welt aus Sicht eines Hundes fotografisch darzustellen. Er versetzt sich in "Frollein", eine alte Hundedame, und erklärt seine technische Vorgehensweise. Erblicken Sie die Welt aus 25cm Augenhöhe. "Frollein!"
"FROLLEIN, jetz´ is´ abba ma gut, jetz´ haaab ich bald genug!"
"HÖÖÖRST Du jetz´, Frollein!?!"

Nein.
Frollein hört nicht.
Frollein ist ein vermutlich weiblicher, viel zu dicker Mischling aus ca. 7,38 verschiedenen Hunderassen. Seine Besitzerin ist etwa 75 - 80 Jahre alt, schiebt einen quietschenden Rollator vor sich her und ist mit einer Stimme gesegnet, die Glas schneiden könnte. Von Hunden hat sie absolut keine Ahnung. Sie redet in komplizierten Sätzen auf das Tier ein, welches als Reaktion auf das Dauergeplapper.....gar nichts tut.
Die alte Dame ist aber vermutlich alleine und Frollein ihre einzige Gesellschaft, was auch gut so ist. Frollein wackelt irgendwann zwei Meter Leinenlänge voraus und pinkelt neben einen Laternenpfahl auf den Boden. Ich selbst habe keinen Hund und will auch keinen haben, weil ich mir vorstelle, welches Leben Hunde in der Stadt führen. In einer Umgebung, die sie sich nicht aussuchen können.
Die meisten Hunde haben ihren Kopf nicht mal auf Kniehöhe. Wie mag das da unten sein? Wie erleben sie ihren Tag auf Höhe von Auspuffrohren, Autoreifen, Baumscheiben, vorbei huschenden Füßen, Fahrradrädern?

Ich beschließe, ein Experiment zu machen.
Nein nein, ich werde nicht bäuchlings auf den Bürgersteigen durch unsere schöne Stadt robben, das hätten Sie gerne! Ich bin Fotograf und werde versuchen, mittels einer Kamera die Sichtweise eines Hundes zu simulieren, zumindest ganz grob. Nicht die eines großen Hundes, sondern die von.... naja, eben "Frollein". Zunächst mal recherchiere ich im Netz über das Sehvermögen von Hunden.
"Hunde können nur schlecht sehen", habe ich mal gehört.
Das stimmt einerseits, und es stimmt andererseits auch wieder nicht. Wir Menschen nehmen über drei verschiedene Rezeptoren in unseren Augen die drei Grundfarben Rot, Grün und Blau wahr, jeweils in etwa 200 Abstufungen. Der Hund sieht das anders, im wahrsten Sinne des Wortes. Rot sieht er als Gelb, und Grün ist für ihn Grau, ihm fehlt der Rezeptor für Grün. Farben wie Blau oder Violett kann er aber sehen, und zwar sehr gut und mehr als wir. Seine Bilder sind also eher blau- und violettstichig. Das ist später für die Bildbearbeitung wichtig, denn meine Kamera sieht nicht hündisch, sondern RGB. Ihre vermutlich auch.

Weiterhin ist der Bildausschnitt wichtig.
Hunde mit einem länglichen Kopf (Dackel, Windhunde) haben die Augen eher seitlich am Kopf und damit ein großes Blickfeld, bis zu 240 Grad sollen das sein. Das ist aber weniger eine Eigenschaft des jeweiligen Auges, sondern mehr eine Leistung des Hundegehirns, welches die beiden Sichtfelder der Augen zu einem gemeinsamen Bild zusammen legt.
Ich vermute jedenfalls, dass es das tut.
Das bringt mich natürlich fotografisch an die Grenzen meiner Ausrüstung.
Ein solch enormes Sichtfeld mit nur einem "Schuss" zu fotografieren, kann man vergessen. Es gibt Objektive in Fisheye-Bauweise, die ein Sichtfeld von etwa 180° abdecken.

Hierbei wird aber nur ein kleiner Bereich des Bildsensors benutzt, das Bild ist so stark verzerrt und vignettiert, als schaue man durch eine Klopapierrolle auf einen Kugelspiegel. Ich weiß nicht, wie ein Hund das sieht, ich kann mir aber nicht vorstellen, dass Mutter Natur das so eingerichtet hat. Wie soll Frollein denn so ihre Besitzerin erkennen...? Es musste eine andere Lösung her.Ich muss also viele Bilder machen und am Computer zusammenmontieren. So kann ich die Verzerrung in Grenzen halten und den Bildbereich ausweiten. Mein Ziel muss eine Art Hundeblickpanorama sein. Es gibt noch weitere Unterschiede zwischen dem Hundesehen und dem des Menschen. Große
Hunde können nur etwa sechs Meter weiter scharf sehen, kleinere noch weniger. Was dahinter kommt, wirkt für sie offenbar verschwommen. Ich muss also den Schärfebereich manuell einstellen, auf sagen wir mal drei bis vier Meter. Die letzte Eigenart ist das Erfassen von Bewegungen. Hunde sehen sich bewegende Objekte scharf, während ruhende Objekte unscharf und verschwommen sind.
Ich gehe der Einfachheit halber von Frollein aus.
Frollein steht oft nur rum und wird daher fast alles verschwommen sehen.

Nachdem klar war, was gemacht werden muss, geht es nun an die Ausrüstung.
Als Kamera nehme ich meine spiegellose Fujifilm X-E2 und das wirklich hervorragende Fujifilm AF 4,0/10-24 R OIS.
Der Fokus des Objektives wird so eingestellt, dass das Bild auf etwa drei bis vier Meter scharf ist. Das bedeutet aber nicht, den manuellen Fokus auf vier Meter einzustellen! Ich hätte gerne eine deutliche Unschärfe ab etwa vier Meter. Also fokussiere ich manuell etwa auf zwei Meter Entfernung und lasse die Schärfe nach hinten auslaufen.
Ja, ich finde, das sieht sehr hündisch aus.
Den Bildstabilisator schalte ich zur Sicherheit ab, weil ich nicht will, dass die Regelbewegungen die Kamera in Vibration versetzen und die Bilder trotz Stativ unscharf werden. Nun zur Sichthöhe. Eine umfangreiche Messkampagne in Sachen "Arbeitshöhe der Sehorgane kleiner Hunde" hielt ich für übertrieben und habe mir erlaubt, zu schätzen.
Etwa 22 – 25cm soll die Kopfhöhe meines virtuellen Hundes sein, Pi mal Daumen, eine "frolleineske" Höhe.

Dazu brauche ich ein anderes Stativ als meine beiden, die ich habe. Die ermöglichen zwar auch bodennahes Arbeiten, aber nur über starkes Spreizen der Stativbeine, die dann unweigerlich ins Bild ragen würden. Ich muss sowieso schon mit Photoshop in den Bildern herumfuhrwerken, noch mehr Retusche würde den Aufwand für diesen Versuch aber unverhältnismäßig erhöhen.

Meine Wahl fiel auf das "Rollei Compact Traveller Mini M1". Dieses Ministativ ist eine Art Immerdabei-Helfer für kleine Kameras, obwohl es angeblich 25kg tragen kann. Ich beschließe, das nicht auszuprobieren. 15cm ist es groß, wenn man es zusammenfaltet, angenehm viel Metall ist verbaut. Der mitgelieferte Kugelkopf hat leider nur eine einzige Fixierung für die Kugel, man kann die Panoramafunktion nicht getrennt benutzen. Heißt: Wenn ich schwenken will, verstellt sich die gesamte Ausrichtung der Kamera. Ich frage jetzt nicht, wer sich sowas ausdenkt, sondern tausche kurzerhand den Originalkopf gegen meinen Manfrotto-Kopf aus, der eine getrennte Panoramaachse hat. Na also, geht doch! Jetzt kann ich die Kamera in einer Höhe von ca. 22cm anbringen und den Hundekopf prima schwenken. Zum ersten Mal vermisse ich bei der X-E2 einen allseits drehbaren Klappmonitor, für bodennahes Arbeiten ist diese Kamera nicht gemacht.
Die Schwierigkeiten halten sich aber in Grenzen. Nach ein paar Testbildern im nahen Hanielpark gehe ich auf Tour und beobachte Hunde und ihre Menschen. Ich warte, bis sie weg sind und mache an den Stellen, an denen der Hund gelaufen ist oder gestanden hat, die Bilder, ich nehme auf, was er gesehen haben muss. Immer etwa acht bis 10 Bilder, die Winkel kann man gut abschätzen, ich vermisse das Klappdisplay gar nicht und schwenke blind. Die Leute schauen mich komisch an...

Da die Einzelbilder später zusammengesetzt werden sollen, ist eine Überlappung an den Bildrändern ein Muss. Ändert sich in diesen Bereich der Bildinhalt, zum Beispiel, weil ein Kind ins Bild rennt, hat das Programm noch mehr Schwierigkeiten, weil im nächsten Bild das Kind fehlt. Glücklicherweise kann ich mir Zeit lassen und auf "freie Bahn" warten. Schon wieder gucken die Leute komisch. Typische Straßenszenen wie bepinkelte Laternen, Autoreifen geben mir reale Hunde vor, andere Umgebungen wie Treppenhäuser von Parkhäusern denke ich mir aus. Auch die langweilige Szene unter den Tischen eines Straßencafés, die sich ein Hund anschauen muss, während der Mensch "da oben" stundenlang Kaffee trinkt, lasse ich nicht aus. Jetzt kann Mensch sich mal bildlich vorstellen, wie dem Hund zumute sein muss. Ist das öde... Das Zusammensetzen macht die Photomerge-Funktion von Photoshop CC. Nicht immer klappt das reibungsfrei. Manchmal entstehen Artefakte durch zu knappe Überlappungen oder nicht ganz horizontale Schwenks, die man beseitigen muss.
Später widme ich mich den Farben.
Grün soll ja zu grau werden, rot wird zu gelb, das ganze Bild wird leicht bläulich und violett eingefärbt. Man muss mehrere Durchläufe machen.
Letztendlich gibt es fünf Szenen, die man als gute Näherung betrachten kann.

Mir ist vollkommen klar, dass meine Herangehensweise oft vereinfachend war, dass ich Annahmen getroffen und geschätzt habe. Eine Doktorarbeit im Fach Biologie ist das nicht geworden. Die Fotografie dient hier ausnahmsweise nicht als Werkzeug, um Momente festzuhalten. Sie ist eine Art Übersetzungshilfe zwischen "hundiger" und menschlicher Sicht, und das Schöne ist: Jeder kann solche fotografischen Experimente relativ einfach machen, man muss nur neugierig sein und überlegen, wie man´s angeht. Die Fotografie hilft uns in diesem Falle ein wenig zu verstehen, wie Hunde in unserer urbanen Welt leben müssen, und sie bestärkt mich in meiner Meinung, diese Welt einem Hund auf gar keinen Fall zumuten zu wollen, zumindest nicht in einer Stadt. "Da unten" herrscht oft ein irres Gewusel, es riecht, es stinkt...Nicht gerade erbaulich. Dann schon lieber ein Hundeleben im Grünen, pardon: Grauen.
Ich beende dieses kleine fotografische Experiment und habe mithilfe der Fotografie viel über die Sichtweise von Hunden gelernt.

Moment, ich höre etwas...was ist das...?....ruhig.... "Frollein...kommst du bald?!?!?" Ach Du lieber Himmel, die akustische Glassäge!
Ich muss dringend weg, man sieht sich...!


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