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Online Fototage: 20.05.-03.06. | Mehr dazu



Krasse Kontraste -
spiel mit Licht und Schatten

Lernen Sie in unserem heutigen Artikel, wie Sie mit Licht und Schatten großartige Bildkompositionen erstellen. Alles was Sie brauchen ist eine Kamera, ein Objektiv und etwas Neugier. Die möglichen Motive befinden sich direkt vor Ihrer Haustüre. Nach ein bisschen Theorie können Sie auch direkt loslegen.

Es sind Ferien! Immer noch! Der eine oder andere hat Urlaub, und ab uns zu scheint sogar die Sonne, was will man mehr?
Wie war das? Langeweile? Wie jetzt, Sie haben Langeweile...???
Okay, warten Sie, dagegen kann man was tun. Wenn man eine Kamera besitzt, ist man vor Langweile zwar nicht ganz gefeit, aber es gibt ein paar Möglichkeiten, sich die Zeit zu vertun und dabei auch noch etwas Schönes zu produzieren. Lassen Sie uns zuerst über unsere Augen sprechen. Nein, kein Biounterricht, das gehört zum Plan, also hinsetzen und lesen.
Unsere Augen machen ganz schön den Molli mit uns. Natürlich nicht nur sie alleine, sondern das Trio Auge Nummer 1, Auge Nummer 2, in enger Zusammenarbeit mit unserem Gehirn. Es vergeht fast kein Tag, an dem die drei uns die Welt anders zeigen, als sie in Wirklichkeit ist. Meistens bekommen wir das gar nicht mit, weil wir es erstens gar nicht anders kennen, und weil wir zweitens nicht auf die Idee kommen, zu hinterfragen, was wir sehen, und ob das vielleicht alles ganz anders sein könnte. Insbesondere unser Gehirn nimmt an dem, was wir sehen (oder zu sehen glauben) ständig irgendwelche Anpassungsarbeiten vor und verknüpft das, was wir sehen, mit Erfahrungen, also mit Schlussfolgerungen aus der Vergangenheit.

Beispiel gefällig?
Stellen Sie sich mal in knalligem Sonnenschein an eine Kreuzung. Ja, ich weiß, knalliger Sonnenschein ist in diesem Sommer bisher Mangelware, aber versuchen Sie es. Was sehen Sie? Straßen, Leute, Autos, helle Stellen, tiefe Schatten. Es gibt Hell- und Dunkel-Kontraste, aber Sie werden alles im Blick haben, werden alles prima erkennen können, auch in den Schattenbereichen. Nichts wird "nicht sichtbar" sein.
Dann machen Sie jetzt mal ein Foto, von mir aus mit Vollautomatik. Ich sag´s auch keinem weiter. Sie werden feststellen, dass das Bild völlig anders aussieht als das, was Sie gesehen haben. Wo die Sonne hinkommt, werden Bildbereiche sehr hell sein, vielleicht sogar ausgefressen. Zeichnung geht verloren, die Ritzen im Pflaster verschmelzen mit den Pflastersteinen zu einer geschlossenen Fläche, Hausfassaden aus rauem Naturstein werden zu einer einzigen hellen Fläche und so weiter. Andere Bereiche werden so dunkel sein, dass man den Eindruck hat, jemand hätte dort Tinte vergossen.

Na, was sagen Sie jetzt? So haben Sie das mit Sicherheit nicht wahrgenommen, oder? Das liegt daran, dass Ihr Gehirn diese Helligkeitsunterschiede angleicht, es macht sozusagen ein Life-HDR, den ganzen Tag lang. Dunkles wird heller, Helles wird dunkler. Die Erfahrung sagt: "Ja, das ist dunkel da hinten, aber da ist trotzdem noch was." Und schon können wir es sehen.
Vermutlich stammt diese Fähigkeit aus der Vergangenheit des Menschen, als im Schutze von Buschwerk und Unterholz wilde Tiere gerade Lust auf Mensch hatten und es für diesen von extrem großem Vorteil war, genau das zu bemerken. Am besten vor dem Angriff. Man ist beim Jagen und Beerensammeln schließlich deutlich langsamer, wenn ein Bein fehlt. Das Vorsortieren und Bearbeiten von Gesehenem in unserem Kopf sorgt aber auch dafür, dass uns manches Schöne und Ästhetische verborgen bleibt. Es geht in dieser Bearbeitung unter, weil unser Gehirn es nicht für wichtig hält.
Und jetzt kommen wir. Wir wissen, dass es mehr zu sehen gibt, wenn die Bearbeitung nicht erfolgt, wir können sie aber nicht abschalten. Genau hier kommt die Unbestechlichkeit einer Kamera zum Tragen. Sie verfügt über keinerlei Erfahrung, auf die sie zurückgreifen könnte, sie nimmt auf, was sie "sieht". Das brauchen wir. Mit ihrer Hilfe holen wir ein paar Dinge ans Licht, die wir so nicht vermuten, und brechen auch die eine oder andere fotografische "Regel"

„...und brechen die ein oder andere fotografische Regel.“

Zu diesem Zweck versuchen wir, auf in der Sonne glänzende Objekte zu achten, die Rundungen und Kanten haben. Hier kann man harte Reflexionen von Licht finden, sogenannte Spitzlichter. Polierte und verchromte Bauteile von schönen Motorrädern eigenen sich zum Beispiel sehr gut dafür. Mit "schön" meine ich nicht nicht diese plastikverkleideten Rennmaschinen im Aggrodesign, die sich wie Güllepumpen auf Steroiden anhören, sondern etwas richtiges, eine Harley zum Beispiel, oder etwas altes.
Norton. Royal Enfield. Triumph. Sie wissen schon. Okay, der polierte Lenker und die Glocke eines schönen Hollandrades tut´s zur Not auch. Im vierrädrigen Bereich werden Sie ebenfalls fündig. Falze und Kanten im Blech von Autos gehen prima. Je dunkler die Autos sind, umso besser funktioniert das, und am allerbesten klappt das Ganze bei Knallsonne. Ich weiß, bei Knallsonne fotografiert man normerweise nicht, aber hier machen wir eine Ausnahme und tun es trotzdem. Regeln brechen. Bevor wir loslegen, stellen wir die Kamera aber noch so ein, dass sie zusätzlich zu den üblichen JPEG-Bildern auch RAW-Bilder aufnehmen soll. Das macht zum einen Sinn wegen der zu erwartenden großen Spanne zwischen hellen und dunklen Tönen, um die es uns ja geht. Eine RAW-Datei kann schließlich deutlich mehr Abstufungen zwischen Hell und Dunkel abbilden als eine JPG-Datei, bevor zu Über- oder Unterbelichtungen kommt. Zum anderen ist die Vorbearbeitung der Bilder im sogenannten RAW-Konverter, also jenem Programm, welches die RAW-Dateien "entwickelt" und abspeichert, oft einfacher als im Bearbeitungsprogramm selbst. Haben Sie den RAW-Modus eingestellt? Prima.

„Eine RAW-Datei kann schließlich mehr Abstufungen zwischen Hell und Dunkel abbilden, als eine JPG-Datei.“

Dann suchen wir uns etwas schönes glänzendes, dunkel lackiertes automobiles mit Kanten und Chrom. In Düsseldorf habe ich sowas, völlig überraschend, auf der Kö und im nahen Altstadtbereich gefunden. Je nachdem, wie wir uns hinstellen und das Blechkleid anschauen, werden wir sehen, dass die Lichtkanten hervorstechen. Scharfe Kanten sind auffälliger als rundes Blech. Die Aufgabe besteht jetzt darin, sich in Gedanken nur auf diese hellen Kanten zu konzentrieren und sich zunächst mal vorzustellen, wie das aussähe, wenn alles ausser ihnen dunkel wäre. Man muss sich Zeit nehmen und den kritischen Blicken der Passanten ("Was macht der denn da?" Ist das erlaubt?") standhalten. Die meisten Leute verstehen heute nicht mehr, dass gute Fotos nicht nebenbei entstehen, sondern das Ergebnis von Hinsehen und Nachdenken sind. Bewegen Sie sich, laufen sie um das Objektiv herum, gehen Sie in die Knie, auch wenn´s knackt und kracht.

Das Objekt soll nur durch Lichtkanten und Linien beschrieben werden, und der Begriff "Objekt" soll hier ruhig Teil unseres Planes werden: Wir wollen dem Betrachter eben kein fertiges Bild liefern, sondern ruhig eine Sehaufgabe, eine in der Art "Was ist das...?" Fotografie hat nämlich keineswegs immer nur den Auftrag, die Realität zu zeigen, möglichst scharf und dicht an der Vorlage. Sie darf auch spielen. Sie darf verunsichern und verschleiern, sie darf verschwimmen lassen und symbolisieren, vor allem aber darf sie reduzieren und dadurch Abstraktes produzieren. In unserem Fall gilt: Pars pro toto, ein Teil für das Ganze. Den Rest überlassen Sie dem Betrachter.

Die Einstellungen, die Sie an der Kamera vornehmen müssen, sind davon abhängig, welches Ergebnis Sie haben möchten. Da wir uns im Hellen bewegen, sollte die ISO-Zahl so gering wie möglich sein. Und schalten Sie die ISO-Automatik aus, die produziert meistens sowieso nur Unsinn. Wenn Sie einen Schärfeverlauf in den Lichtkanten möchten, sollten Sie überlegen, wo dieser beginnen und wo er hinlaufen soll. Eine geöffnete Blende, etwas mehr Brennweite und ein kleinerer Abstand zwischen Ihnen und dem edlen Blech werden hilfreich sein. Experimentieren Sie mit der Belichtungszeit. Machen Sie mehrere Bilder und wählen Sie eine immer kürzere Zeit. Die Lichtkanten und Reflexionen werden und sollen stets zu sehen sein, denn um sie geht es uns, aber nach Möglichkeit sollte auch alles andere bleiben dürfen. Drehen Sie die Kamera auch mal, halten Sie sie schief, um die Linien im Ausschnitt zu arrangieren. Da Sie nur einen Ausschnitt aufnehmen, kann das reale "Oben" und "Unten" ruhig von dem auf dem Bild abweichen. Weil in diesem Jahr auch der Sommer im Urlaub ist, kann man sich an den weniger schönen Tagen jetzt damit beschäftigen, die gemachten Bilder etwas zu bearbeiten. Im Zuge der Reduktion schlage ich vor, in Schwarzweiß zu arbeiten und zu diesem Zweck die Sättigung zu reduzieren. Anschließend sollten Sie versuchen, gezielt die dunklen Bereiche weiter herunterzuziehen und die Kontraste zu erhöhen. Sie können ebenso die sehr hellen Bildbereiche ("Lichter") weiter aufhellen. Das geht in den üblichen RAW-Konvertern ganz wunderbar. Machen Sie es nach Ihrem Geschmack.Es entstehen dabei wahrhaft schwarzweiße Bilder, in denen einzelne dunkle Bereiche durchaus auch "absaufen" dürfen. Das wäre die zweite Fotografische Regel, die wir brechen: Wir lassen die Tiefen mal ganz bewusst absaufen, zugunsten der grafischen Wirkung zwischen den dunklen und den sehr hellen Partien. Lassen Sie die Silberstreifen aus Licht zur Geltung kommen, arbeiten Sie sie heraus!

„Lassen Sie die Silberstreifen aus Licht zur Geltung kommen.“

Wer so gar keine Lust hat, unbelebte Objekte zu fotografieren, kann auch gerne in den Wald gehen.Das soll jetzt nicht nach "Dann geh doch, wenn Du nicht mitmachen willst!" klingen, ich meine das ernst. Pflanzen, die vor einem dunklen Hinter- bzw- Untergrund stehen (dunkle Erde, aber keine Wiese) und von der Sonne beschienen werden, die zwischen dem Blätterwerk hindurchlinst, zeigen ähnliche Effekte, wenn auch nicht ganz so stark. Das funktioniert ganz gut mit Gräsern und mit anderen Pflanzen, deren Bestandteile wie Stengel oder Blätter glatt und fest sind. Wirklich harte Lichtkanten werden sich an Pflanzen eher nicht finden, aber der Effekt der Reduktion ist auch hier deutlich zu erkennen.Probieren Sie es einfach aus! Lassen Sie alles weg, was Sie nicht brauchen. Fotografie bedeutet schließlich: Weglassen, bis alles übrig bleibt. Schöne Restferien!


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