Meine Bestellungen Meine Rechnungen Paketverfolgung Meine Kundendaten
Login

Der Artikel wurde auf den
Merkzettel gesetzt

Ihr Warenkorb

Femen und change.org Aktion gegen Femizid und mnnliche Gewalt gegen Frauen, 16.08.2020 in Berlin

Protestbewegung

Lesezeit: 6 Minuten - 05. Januar 2021 - von Oliver Feldhaus - aus dem Schnappschuss No.64 "Bewegung"

Aufstnde, Revolutionen, Demonstrationen Menschen schlieen sich seit Jahrhunderten zusammen, um fr ihre Sache zu kmpfen. Auch heutzutage berichten die Nachrichten fast tglich von verschiedenen Protestbewegungen, egal ob regional wie in Hongkong oder international wie Black Lives Matter und Fridays for Future. Der im Ruhrgebiet geborene und im Rheinland aufgewachsene Fotograf Oliver Feldhaus konzentriert sich auf die Proteste in seiner Wahlheimat Berlin und erzhlt uns von seiner Passion.

Ich wrde mich nicht als Bewegungsfotograf bezeichnen. Aber die Fotos eines Protestes standen tatschlich fr mich am Anfang, und das Thema hat mich seither stetig beschftigt. 2013 kam ich als teilnehmender Beobachter des Kampfes von Geflchteten fr ihre Rechte zur Fotografie. Seither begleite ich als Fotograf insbesondere soziale Bewegungen. Meine fotografische Heimat hatte ich daher auch schnell beim traditionsreichen Kreuzberger Umbruch Bildarchiv gefunden. Das Umbruch Bildarchiv wurde 1988 gegrndet und beherbergt mittlerweile einen faszinierenden zeitgeschichtlichen Schatz von mehr als 100.000 Fotos zu sozialen, kulturellen und politischen Brennpunkten.
Ich habe nicht den Anspruch, ein objektiver, neutraler Beobachter zu sein. Ich bin ein politischer Mensch, der sich mit Gesellschaft und die sie prgenden Strukturen auseinandersetzt. Was und wie ich fotografiere, hat immer mit mir zu tun. Ich gehe tatschlich sehr subjektiv und persnlich ans Werk. Neugier, Wut, Freude oder Solidaritt sind durchaus Triebfedern dafr, warum ich etwas fotografieren mchte. Und Proteste geben diesen Gefhlen, negativen wie guten, hufig einen Ausdruck.

Christopher Street Day, 28. Juli 2018 in Berlin

"Neugier, Wut, Freude oder Solidaritt sind durchaus Triebfedern dafr, warum ich etwas fotografieren mchte."


Ich mchte mit meinen Bildern zeigen, was ich gesehen und wie ich es gesehen, erlebt und empfunden habe. Dabei bin ich nicht objektiv im Sinne von Neutralitt, aber ich schaffe Transparenz, persnliche Zeugenschaft ber das, was geschehen ist.
So war ein Gefhl der Emprung auch tatschlich der auslsende Moment, der mich berhaupt zum Fotografieren brachte. Als 2013 Geflchtete vor dem Brandenburger Tor mit einem Hungerstreik auf ihre menschenunwrdige Situation in den Lagern aufmerksam machten, erlebte ich mehrfach, wie diese in unbeobachtet geglaubten Momenten von Polizeibeamten rassistisch und brutal schikaniert wurden. Ich fotografierte dies damals mit einer einfachen kleinen Kompaktkamera. Als ich die Fotos dann spter den Geflchteten, Untersttzer*innen, Journalist*innen und Politiker*innen zeigte, merkte ich schnell, welche ungeheure Kraft Bilder entfalten und was sie bewirken knnen. Ich habe gelernt, dass Bilder fr den Protest eine eigene Bedeutung und Funktion haben. Die Geflchteten fhlten sich gesehen und in ihrer Not nicht mehr allein, die Untersttzer nutzten sie fr ihre Solidarittsarbeit, Journalisten informierten die ffentlichkeit zu den Ereignissen, und in der Politik wurde die Aktion schlielich zur Kenntnis genommen. Seitdem habe ich damit weiter gemacht.
Ich gehe bei meiner Fotografie wenig technisch und konzeptionell vor. Das sind Defizite, an denen ich arbeite. Aber auch hier kann ich schlecht aus meiner Haut. Meine Stilmittel sind Spontanitt und Empathie. Ich arbeite schnell und dabei technisch hinlnglich unsauber. Ich begebe mich in eine Situation, weil sie mich interessiert und in irgendeiner Form berhrt. Ich beobachte, was passiert. Im besten Fall lasse ich mich mitreien und warte einfach auf die Bilder, die kommen, auf den Moment, um auf den Auslser zu drcken. Gerne bin ich bei einem Ereignis mittendrin, ganz nah dran. Auch hier hat die Rolle als teilnehmender Beobachter fr mich etwas sehr Subjektives und Emotionales. Mittendrin sein und von auen draufschauen, das klingt zunchst paradox. Aber das erlebe ich fast krperlich, wenn ich mich als Element eines Momentes mittreiben lassen kann, um zugleich von oben oder von auen auf das ganze Geschehen zu schauen.

Als ich anfing Sozial- und Protestbewegungen zu fotografieren, habe ich lange Serien gemacht. Ich stellte aber bald fest, dass mich diese Art des Dokumentierens langweilte. Die akribische Auflistung von Transparenten, Plakaten, Akteuren ist nicht meine Sache. Vielleicht auch aus Bequemlichkeit bemhe ich mich seither vielmehr darum, mit nur einigen wenigen Bilder den Eindruck zu schildern, den eine Aktion, ein Protest, eine Bewegung bei mir hinterlassen hat. Glcklich gehe ich am Abend nach Hause, wenn mir ein Bild gelungen ist, in welchem das Ereignis aus meiner Sicht komplett wiedergegeben ist. Dieser Moment kann im Gesichtsausdruck eines Menschen liegen oder im beilufigen Augenblick am Rande eines Tumultes. Diese Unvorhersehbarkeit und potenziell stndige Mglichkeit des richtigen Moments ist fr mich das Aufregende und Faszinierende der Fotografie.

Fridays for Future, Klimastreik "Kein Grad weiter", Strae des 17.Juni 25.09.2020 Berlin

"Ich habe gelernt, dass Bilder fr den Protest eine eigene Bedeutung und Funktion haben."

Und ehrlich gesagt sind am Ende die schnsten Bilder hufig die, die mit dem ursprnglichen Ereignis gar nichts zu tun haben. Sondern die, die ich zufllig am Rande und auf dem Heimweg nach Feierabend gemacht habe. Das erfolgsversprechendste Stilmittel fr gute Fotos heit fr mich darum auch einfach: immer in Bewegung bleiben, immer eine Kamera um die Schulter hngen haben, um immer auf den Auslser drcken zu knnen, wenn das Foto vorbeikvommt und der Moment Hallo sagt. Glcklich bin ich auch ber die Tatsache, dass zahlreiche meiner Bilder eine Art Eigenleben entwickeln. Dann wenn sie ber die Verffentlichung in Zeitungen, Zeitschriften, sozialen Medien hinaus ber Plakate, Bcher, Kunstausstellungen, Theater, Museen oder Bildungsmaterialen ihren Weg wieder zurck in die Gesellschaft, in die politischen und sozialen Bewegungen finden. 
Ein gutes Ende hat die Arbeit gefunden, wenn ich den Protest ins Bild gesetzt habe, der Protest mit Bildern fortgefhrt wurde und es schlielich wieder die Bilder selbst sind, die protestieren.

Weitere Infos und mehr Werke des Knstlers:

Oliver Feldhaus
Instagram: @feldhausfeldhaus
Flickr: @petshoppetshop
Twitter: @petmobbb
Facebook: @petshop.petshop

BLACK LIVES MATTER Demo, 06.06.2020 in Berlin
Fridays for Future Demonstration #voteclimate, 24.05.2019
Meret Becker bei der Veranstaltung fr den Erhalt von Kisch & Co und dem ganzen Kulturstandort Oranienstr. 25, 29.07.2020 Berlin
Fr dem Erhalt von Kisch & Co und dem ganzen Kulturstandort Oranienstr. 25, 29.07.2020 Berlin
22. Juni 2016 Berlin

Weitere Beitrge aus dem Schnappschuss Bewegung

Bewegung des Fotomotivs

Wie genau stelle ich eigentlich meine Kamera ein, wenn sich mein Fotomotiv bewegt? Die Frage ist relativ einfach beantwortet: Es kommt darauf an. Ja und worauf? Auf das, was ich in meinem Lichtwerk abbilden mchte, oder vielleicht auch nicht. Welchen Eindruck ich mit dem Foto beim Betrachter erreichen mchte, oder vielleicht auch nicht.

Jetzt lesen

Schnappschuss: Extreme Conditions von Nicolai Deutsch

Bei -30° C unter zwei Meter dickem Eis im tiefsten Swassersee der Welt, dem Baikalsee in Russland? In diesem Beitrag erzhlt Nicolai Deutsch von seiner Berufung als Kameramann.

Jetzt lesen

Die Gewinner - Fotowettbewerb Bewegung

Mit dem Thema Bewegung startete der Fotowettbewerb passend zur neuen Ausgabe des Schnappschuss Magazins in eine neue Runde. Das sind die Gewinner!

Jetzt lesen!

Auch interessant

Bewegung des Fotomotivs

Wie genau stelle ich eigentlich meine Kamera ein, wenn sich mein Fotomotiv bewegt? Die Frage ist relativ einfach beantwortet: Es kommt darauf an. Ja und worauf? Auf das, was ich in meinem Lichtwerk abbilden mchte, oder vielleicht auch nicht. Welchen Eindruck ich mit dem Foto beim Betrachter erreichen mchte, oder vielleicht auch nicht.

Jetzt lesen

Schnappschuss: Extreme Conditions von Nicolai Deutsch

Bei -30° C unter zwei Meter dickem Eis im tiefsten Swassersee der Welt, dem Baikalsee in Russland? In diesem Beitrag erzhlt Nicolai Deutsch von seiner Berufung als Kameramann.

Jetzt lesen

Mit kompakter Kamera zur Fortuna | Patrick Jelen fr Panasonic

Wir sprechen mit Patrick Jelen ber seine Fotografie und warum er dabei kompakte Kameras von Panasonic bevorzugt.

Nochmal ansehen