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Aus dem Magazin Schnappschuss No. 55

 

Symbiose aus
      Mensch und Umwelt

 

Der leidenschaftliche Fotograf aus dem Herzen der Schweiz reist in die größten Städte dieser Welt, um dort das Leben auf der Straße zu dokumentieren. Er arbeitet dabei mit einer spiegellosen Systemkamera, um das Wesen des gewöhnlichen Lebens in der Öffentlichkeit zu erfassen. Die Kamera dient ihm als eine Blackbox, um den Moment festzuhalten, den er durch seine Augen gesehen hat. In unserem Artikel sprechen wir mit
Thomas Leuthard, der wichtigere Fragen über Streetphotography beantwortet, als die nach der Ausrüstung.

Hitchcock, Hamburg von Thomas LeuthardHitchcock, Hamburg

My Zeil, Frankfurt

Für Thomas Leuthard stand immer der „normale“ Mensch im Mittelpunkt, den er in seinem natürlichen Umfeld, sozusagen in freier Wildbahn, abzulichten versucht. Dabei ist ihm wichtig, dass er eine Szene nicht inszeniert, die Person nicht fragt und stets versucht, aus dem normalen Alltag etwas Besonderes zu schaffen. Der Reiz an der Streetphotography ist ganz klar die Herausforderung, mit sehr wenig Equipment und ohne Erwartungen auf die Straße zu gehen, ohne zu wissen womit man zurückkommt. Man kann außer dem Kamerastandpunkt und den Einstellungen der Kamera nichts beeinflussen. Aber genau das macht für ihn den Unterschied dieser Art der Fotografie aus. Thomas liebt es unabhängig von Models, Studioverfügbarkeit, Wetter und anderen Einflüssen zu sein. Man kann zu jeder Zeit rausgehen und sich auf die Suche nach Motiven machen, denn es gibt immer und überall Motive.

„Den Menschen und sein Umfeld in einer Symbiose zeigen.“

Texting her, Tokyo

Bancogiro, Venedig

Thomas Leuthard ist ein engagierter Streetfotograf aus dem Zentrum der Schweiz. Anfang 2008 hat er sich aus Interesse an der Technik die damals günstigste Spiegelreflexkamera gekauft. Ein erster Fotokurs lernte ihn die Grundlagen, ein 3,5-wöchiger Aufenthalt bei den Olympischen Sommerspielen in Peking brachte ihm das Leben auf der Straße näher. Es dauerte dann noch fast ein Jahr, bis er sich nur noch um die Streetphotography kümmerte. Während eines Fotografie-Lehrgangs wurde ihm schnell klar, dass die herkömmliche Fotografie zu aufwendig, zu gestellt und zu normal ist.

Leuthard fotografiert zu 99% in Schwarz-Weiß, auch wenn der eine oder andere denkt, dass das einfacher sei. Das mag vielleicht auch sein, aber für ihn ist es so, dass die monochrome Fotografie ein Motiv automatisch auf den Inhalt, die Emotionen, auf Strukturen und Formen reduziert. „So wird es dem Betrachter einfacher gemacht, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren.“, meint der schweizer Fotograf. „Schließlich ist das Leben auf der Straße heutzutage viel zu bunt, um sich lediglich auf ein Motiv zu beschränken. Es ist fast unmöglich, keine ablenkenden Farben im Bild zu haben. Viel wichtiger als die Farbe ist der Kontext, in dem der Mensch abgebildet wird.“

Licht am Ende des Tunnels, Köln

Museum of Photography, Tokyo

Leuthard braucht in seinen Bildern zwingend einen Menschen, da für ihn das Bild sonst tot ist. Und genau um diesen Menschen geht es. Dieser
soll ja in einer Geschichte abgebildet werden. Und man kann diesen nur dann authentisch zeigen, wenn man die Personen nicht zu nahe, aber auch nicht zu weit weg, erfasst. Der urbane Raum, in dem sich der Mensch aufhält, erzählt die Geschichte und der Fotograf entscheidet, aus welcher Distanz er diese abbildet. Sobald der Fotograf zu einer langen Brennweite greift, fühlt sich der Betrachter des Fotos der Person auf dem Bild gegenüber als Beobachter. Wenn aber der Fotograf mit einer kurzen Brennweite um 35 mm fotografiert, so entstehen Bilder, bei denen man sich als Betrachter mittendrin fühlt. Und genau um diese Nähe geht es in der Fotografie von Thomas Leuthard.

Thomas Leuthard versucht immer den Menschen und sein Umfeld in einer Symbiose zu zeigen, auch wenn seine Bilder sowohl aus nächster Nähe als auch aus weiter Ferne entstehen. Der Künstler bedient sich den verschiedensten Stilelementen und Aufnahmetechniken der Fotografie. Aus genau diesem Grund kann man ja zu jeder Tages- und Nachtzeit auf der Straße fotografieren, weil man immer auf eine Möglichkeit zurückgreifen kann, um auch bei schwierigen Situationen ein Bild zu machen. Die Tageszeit gibt die Methode vor. Scheint die Sonne, kann man mit Schatten arbeiten, steht sie tief, gibt es Silhouetten, ist es neblig, nutzt man dies um nahe Portraits zu machen, usw.

 

„Der gute Street-Fotograf beherrscht viele Techniken und ist so flexibel, dass er bei jeder Szene sofort die richtige anwendet. Und wenn er dann noch kreativ und innovativ ist, so findet er einen Weg, das Motiv auf eine andere Art ins Bild zu setzen.“ erzählt uns Leuthard. Dies sei wichtig, weil es schon zu viel belanglosen Mainstream in diesem Genre gibt. Nicht umsonst würde die Streetphotography als die Champions League der Fotografie bezeichnet, sagt der Schweizer. Es passieren in sehr kurzer Zeit sehr viele Dinge und der Fotograf könne nur über seinen Standpunkt und die Kameraeinstellungen eingreifen. Alles andere müsse er dem Zufall überlassen. Eine Inszenierung käme dem Aufwärmen eines Fertiggerichts aus der Tiefkühltruhe im Supermarkt gleich.

Der fantastische schweizer „Straßenkünstler“ spricht mit uns über das ganz besondere Feeling bei der Streetphotography. Schlussendlich geht es für ihn dabei ums Rausgehen und ums Treffen von Gleichgesinnten. Umso länger und öfter, je mehr tritt die reine Fotografie in den Hintergrund und die Vernetzung und die Kommunikation unter Fotografen steht im Vordergrund. Der Grund dafür sei wohl die Einsamkeit dieser Art der Fotografie, welche für viele einen Ausgleich zum Job biete. Wenn der Job aber nicht mehr so intensiv ist, Leuthard arbeitet nur noch 60%, so wird die Kontaktpflege wieder wichtiger. Natürlich geht es auch um den Austausch von Informationen, Feedback zu Bildern sowie die Besprechung von laufenden und zukünftigen Projekten. Normalerweise fängt man einsam mit seiner Kamera an und über die Jahre bildet sich eine kleine Familie von Streetfotografen, die sich regelmäßig bei Foto-Walks oder Stammtischen trifft. Ziel solcher Treffen ist auch eine Diskussion über Bilder und nicht über die Technik zu führen.

„Für Leuthard braucht es in seinen Bildern zwingend einen Menschen, da für ihn sonst das Bild tot ist.“

Stripes I, Stockholm

Stripes II, Zürich

Leider steht die Technik noch viel zu sehr im Vordergrund, sagt Leuthard. Eine Kamera auf der Straße muss möglichst klein und diskret sein. Ein Klappdisplay lässt ihn aus weit mehr Positionen und viel
unauffälliger fotografieren, als durch den Sucher einer DSLR. Natürlich
bearbeitet auch er die Bilder am Rechner, aber hier gilt für ihn ebenso: weniger ist mehr. Wenn er mehr als eine Minute an einem Bild basteln muss, sollte er es eigentlich löschen, meint der Streetfotograf. Denn dann hat er in der Kamera etwas falsch gemacht, was sich
am Rechner nicht korrigieren lässt. Aus diesem Grund sind für ihn die Tätigkeiten vor dem Auslösen am Wichtigsten. Das Gleiche gilt nach der Bearbeitung. Hier ist es elementar, wo man die Bilder verbreitet.

Leuthard ist auf den wichtigsten Social Media Plattformen aktiv und lädt seine Bilder ohne Einschränkung hoch. Wer Angst vor Datenklau hat, sollte offline bleiben, denn einmal im Netz, kann ein Bild nicht mehr kontrolliert werden. Über die Creative Commons Lizenz lassen sich seine Bilder sehr einfach sehr weit verbreiten. „Nein, damit lässt sich kein Geld verdienen, aber eine gute Reichweite ist heute erstmal viel wichtiger als Geld. Am Ende des Tages geht es um den Spaß, der einem ein Spaziergang mit der Kamera in der Stadt gibt. Ob dieser nun alleine oder in der Gruppe stattfindet, ist weniger wichtig.“ erzählt uns Leuthard noch zum Schluss. „Rausgehen, sich bewegen und das Leben festhalten. Darum geht es in der Streetphotography.“

Infos und mehr Werke des Künstlers:

Thomas Leuthard
www.thomas.leuthard.photography

Hinweis
Ausstellung „Streetphotography“

Bis 30. September findet bei Foto Koch in Düsseldorf in Zusammenarbeit mit Olympus eine kleine Ausstellung zum Thema „Streetphotography“ statt. Hier zeigt der schweizer Fotograf einige seiner Arbeiten.

Weitere Informationen finden Sie unter:
fotokoch.de/ausstellung

Tessies, Koppenhagen


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