Aus dem Magazin Schnappschuss No. 53

 

There's something called "Fernweh"


Luc Kordas‘ Leben besteht aus Reisen. Er fotografiert seit gut 10 Jahren und Mittelpunkt seiner Arbeit bildet dabei die Portrait- und Streetfotografie. Sein Interesse widmet er der Reisefotografie, da er sich selbst als Weltenbummler versteht. In unserem Portrait beschreibt er uns, was dieses Fernweh auslöst.


von Thomas Görner

Fernweh - Luc Kordas

London, New York oder Düsseldorf - dieser April-Regen ist eigentlich in jeder Großstadt der Welt der selbe:
feinperlig, frisch und nasskalt. Die Feuchtigkeit dringt einem unter die Haut, direkt in die Knochen. Ich biege schnellen Schrittes links auf die Christopher Street ab und freue mich über die Wärme, die, nach ein paar Stufen, aus dem Keller des "Black Cat" dringt.

Halb Bar, halb Billiard- und Tischtennishalle suche ich mir ein warmes Plätzchen in einer der vielen Nischen. Dann sehe ich auch schon Luc
- die Nikon umgehängt, schussbereit aber ohne Regenschutz - wie er sich den Regen vom Mantel und der Kamera abklopft. Ohne Rücksicht auf Verluste den Elementen ausgesetzt.

Luc lebt seit 3 Jahren in New York. Man sieht ihm an, dass er die Stadt ins Herz geschlossen hat. Die Hektik, das Adrenalin, der Wettbewerb, die starken Gegensätze, das alles nutzt er für seine Kunst. Auf diesem Pflaster gibt es für Streetfotografen mehr als ausreichend Material. Auszeichnungen hat er damit schon gewonnen. Selbst das Department of Homeland Security war von seiner Arbeit überzeugt, wenn nicht gar begeistert, als sie ihm ein begehrtes Artist Visa gewährten. Aber über Streetfotografie, möchte er nicht wirklich reden. "Ich bin Weltenbummler" erklärt der gebürtige Krakauer, der in den letzten zehn Jahren im Durchschnitt alle acht Monate seine Wohnung wechselte. "Mich zieht es alle 2 Jahre in die Ferne, an einen neuen Ort. Es ist die Herausforderung neue Kulturen nicht nur zu entdecken, sondern zu verstehen." Ich erkläre ihm das deutsche Wort Fernweh, welches seine momentane Gefühlslage nach diesem harten New Yorker Winter auf den Punkt bringt. Fernweh war auch der Anlass
für seine Nachahmung der Reise des jungen Che [Guevara]. Entgegengesetzt der Reise des Revolutionsführers fuhr er von Kuba nach Argentinien. Wie auch auf Ches Reise Anfang der 50er brach sein Motorrad auf halber Strecke zusammen und er musste den Rest mit Bussen und Mitfahrgelegenheiten bewältigen.

Ohne große Unterbrechung geht Luc in die nächste Reise über. Vor einigen Jahren hatte er die Nase voll vom Leben in Barcelona. Er kaufte sich ein Fixie - eines dieser Fahrräder ohne Gangschaltung, bei dem sich die Pedalen und Räder in ständiger, starrer Verbindung bewegen.
Ohne Bremsen machte er sich auf die dreimonatige Reise über die Pyrenäen, die Côte d’Azur, nördliche Po Ebene, durch die Tschechische Republik in das heimische Krakau. Ausgerüstet war er mit 20 Kilo Gepäck, das Nötigste. Inklusive aber einer Nikon und verrückterweise einem einzigen Lensbaby Composer Pro Objektiv, um Gewicht zu sparen. Die Tour war dementsprechend nicht nur sportlich, sondern auch fotografisch, höchst anspruchsvoll. "Das Lensbaby fordert den Fotografen mehr als eine Festbrennweite heraus." versichert er mir und ich spüre eine leicht masochistische Ader.

Die Kamera ist für Luc sein Ausdrucksmedium, was für Che Guevara Briefe und Tagebuch waren. Luc sortiert seine Arbeit aber nicht nur in gewohnter chronologischer sondern auch thematischer Form. Eine Reihe, an der er schon mehrere Jahre arbeitet, heißt „Fairy Tales“. Aufgenommen an den verschiedensten Orten erzählt diese Reihe von Geheimnissen, Sagen und Erzählungen, die der Betrachter nur erahnen kann und welche sich weitab, außerhalb des Bildrands und vielleicht auch dieser Welt abspielen. Nach drei Stunden, aufgeheizt und die Augen gläsern von Träumereien der Ferne, ersteigen wir zusammen die Treppen aus der Dunkelheit der Bar. Die Nachmittagssonne hat sich durchgekämpft. Die Aufbruchstimmung, der Frühling, liegt merklich in der Luft, als Luc sich in die Tiefen der U-Bahn verabschiedet.

Luc Kordas
www.luckordas.com

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Magazin "Schnappschuss"

Das Foto Koch Magazin ist modern kreativ gestaltet und ist vom Design und inhaltlich relativ einzigartig.

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